
Holocaust-Mahnmale in Berlin: Was man besuchen sollte
Keine Stadt der Welt hat ihre eigene Schuld so in ihre Straßen eingebaut wie Berlin. Es gibt hier nicht ein Holocaust-Mahnmal: es gibt ein Feld aus 2.711 Stelen neben dem Brandenburger Tor, ein Wasserbecken für die Sinti und Roma, einen Betonquader für die verfolgten Homosexuellen, eine leere Bibliothek unter einem Platz und Tausende Messingsteine mit Namen in den Gehwegen. Dieser Text führt durch sie hindurch: was jedes ist, warum es so aussieht, und wie man sie an einem Nachmittag abgeht, ohne daraus eine Checkliste zu machen.
Erinnerung in Berlin
Berlins Holocaust-Mahnmale, eines nach dem anderen, plus ein dreistündiger Rundgang, der sie verbindet. Kostenlose Audioguides in 7 Sprachen.
Themen
- •Wie Berlin erinnert
- •Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas
- •Die anderen Opfer: Sinti, Roma und Homosexuelle
- •Wo es entschieden wurde: Bebelplatz und Topographie des Terrors
- •Das jüdische Viertel: die Namen hinter den Zahlen
- •Stolpersteine: das Denkmal unter den Füßen
- •Ein Rundgang in drei Stunden
- •Praktisches zum Besuch
Wie Berlin erinnert
Jahrzehntelang bestand Berlins Erinnerung nach dem Krieg vor allem aus Schweigen. Die Debatte über ein zentrales Holocaust-Mahnmal dauerte siebzehn Jahre bis zur Grundsteinlegung, und die Frage war nie ob, sondern wie: welche Form sechs Millionen Tote tragen kann, ohne sie zu dekorieren.
Die Antwort, zu der die Stadt kam, ist ungewöhnlich. In diesen Denkmälern gibt es keine Statue, keinen Helden, keine allegorische Figur. Es gibt abstrakte Felder, Leerstellen, Abwesenheiten: eine Bibliothek ohne Bücher, ein Becken ohne Namen, Blöcke ohne jede Inschrift. Berlin hat entschieden, dass man spüren soll, was fehlt, nicht sehen, was dargestellt wird.
Deshalb wirken diese Orte unscheinbar, wenn sie niemand erklärt. Fast alle sind kostenlos, immer zugänglich — und schweigen vollständig über sich selbst.
Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas
2.711 Betonstelen auf welligem Grund, einen Block südlich des Brandenburger Tors. Entworfen von Peter Eisenman, eröffnet 2005. Keine Namen, keine Inschriften, keine Erklärung an der Oberfläche — und der Architekt weigerte sich stets, der Zahl eine Bedeutung zu geben, was genau der Punkt ist.
Nicht außen herumgehen, sondern hinein. Der Boden sackt ab, die Blöcke wachsen über den Kopf, der Verkehrslärm verschwindet, und man verliert die Begleitung aus den Augen. Diese Desorientierung ist der ganze Entwurf, und man bekommt sie nur, wenn man hineingeht.
Darunter liegt der Ort der Information, kostenlos, mit den Namen und den einzelnen Lebensgeschichten — das menschliche Gegengewicht zur Abstraktion oben. Montags geschlossen. Das Stelenfeld selbst ist immer offen, Tag und Nacht.
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Die anderen Opfer: Sinti, Roma und Homosexuelle
Fünf Minuten nördlich, am Rand des Tiergartens, steht das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma: ein dunkles, kreisrundes Wasserbecken mit einem dreieckigen Stein in der Mitte, auf den täglich eine frische Blume gelegt wird. Eröffnet 2012, siebenundsechzig Jahre nach dem Krieg — das sagt einiges darüber, wie lange Deutschland gebraucht hat, diese Opfer überhaupt anzuerkennen.
Gegenüber dem Stelenfeld, im Park, steht ein einzelner grauer Betonquader mit einem kleinen Fenster. Wer hineinschaut, sieht einen Film in Endlosschleife. Es ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, eröffnet 2008 — und seine bewusste Ähnlichkeit mit einer Stele Eisenmans ist selbst ein Argument.
An beiden geht man leicht vorbei. Beide dauern fünf Minuten und verändern, wie man das große Denkmal nebenan liest.
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Wo es entschieden wurde: Bebelplatz und Topographie des Terrors
Am 10. Mai 1933 verbrannten Studenten auf dem Bebelplatz rund zwanzigtausend Bücher. Das Denkmal ist eine Glasplatte im Pflaster: Wer hineinschaut, sieht einen weißen Raum mit leeren Regalen, bemessen für genau die vernichteten Bücher. Daneben eine Zeile von Heinrich Heine aus dem Jahr 1820: Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. Die meisten Besucher überqueren den Platz, ohne beides zu bemerken.
Einen Kilometer südlich liegt die Topographie des Terrors auf dem Gelände, auf dem Gestapo und SS-Führung all das planten. Die Gebäude sind verschwunden; geblieben ist eine Freiluftausstellung entlang eines der längsten erhaltenen Mauerstücke, über den Kellern der verschwundenen Zentrale. Kostenlos — und der Ort, der die Maschinerie hinter allem anderen auf dieser Route erklärt.
Eine volle Stunde einplanen. Es ist kein Denkmal für die Opfer, sondern eine Dokumentation der Täter, mit ihren Fotos, ihren Karrieren und, in vielen Fällen, ihren bequemen Nachkriegsleben.
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Das jüdische Viertel: die Namen hinter den Zahlen
Das Scheunenviertel nördlich der Museumsinsel war das Herz des jüdischen Berlin. In der Großen Hamburger Straße stand ein jüdisches Altersheim, das als Sammelstelle für Deportationen diente, und der älteste jüdische Friedhof der Stadt, 1943 von der Gestapo zerstört. Geblieben sind ein Mahnmal und eine leere Grünfläche, auf der fast nichts mehr steht.
In einem Hof in der Rosenthaler Straße betrieb Otto Weidt eine Bürstenwerkstatt mit blinden und gehörlosen jüdischen Beschäftigten und verbrachte den Krieg damit, Papiere zu fälschen, Beamte zu bestechen und Menschen zu verstecken, um sie am Leben zu halten. Das Museum ist klein und kostenlos. Das Anne Frank Zentrum liegt im selben Hof.
Zwei Straßen weiter die goldene Kuppel der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße — in der Pogromnacht von einem Polizisten gerettet, der sich davorstellte, und 1943 durch alliierte Bomben zerstört. Und in der Rosenstraße erinnert der Block der Frauen an den Protest von 1943: nichtjüdische Ehefrauen, die tagelang auf der Straße standen und ihre Männer zurückforderten — und zurückbekamen.
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Stolpersteine: das Denkmal unter den Füßen
Kleine Messingquadrate im Gehweg, jedes mit einem Namen, einem Geburtsdatum und dem, was diesem Menschen geschah. Sie liegen vor dem letzten frei gewählten Wohnort und sind das Werk eines einzigen Künstlers, Gunter Demnig, der in den 1990er-Jahren begann und inzwischen mehr als hunderttausend in ganz Europa verlegt hat — Tausende allein in Berlin.
Man besucht sie nicht, man findet sie. Sie liegen vor ganz gewöhnlichen Haustüren in Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Charlottenburg. Um einen zu lesen, muss man den Kopf senken — genau das war Demnigs Absicht.
Hat man den ersten bemerkt, sieht man sie für den Rest der Reise überall. Für viele Besucher ist das erst das Denkmal, das wirklich ankommt.
Ein Rundgang in drei Stunden
Start am Brandenburger Tor. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas liegt zwei Minuten südlich, das Homosexuellen-Denkmal gegenüber im Park, das Sinti-und-Roma-Denkmal fünf Minuten nördlich Richtung Reichstag. Drei Mahnmale in einer halben Stunde, alle kostenlos, alle draußen.
Weiter nach Osten Unter den Linden bis zum Bebelplatz (fünfzehn Minuten), dann nach Süden zur Topographie des Terrors (zwanzig Minuten zu Fuß oder zwei U-Bahn-Stationen). Dafür eine Stunde einplanen.
Abschluss im Scheunenviertel: Große Hamburger Straße, Weidts Werkstatt, Neue Synagoge und Rosenstraße liegen jeweils zehn Minuten auseinander. Insgesamt rund fünf Kilometer und drei Stunden — oder ein ganzer Tag, wenn man in die Museen geht. Wer eine vierte Station mit einer anderen Art von Erinnerung will: das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten errichteten die Sieger schon 1945, bevor der Schutt geräumt war.
Praktisches zum Besuch
Fast alles ist kostenlos und unter freiem Himmel. Ausnahmen sind kleine Museen mit günstigen Tickets und der Ort der Information unter dem Stelenfeld, der kostenlos ist, aber montags schließt.
Das sind Orte, an denen Menschen starben und an die ihre Nachkommen bis heute kommen. Das Stelenfeld ist kein Spielplatz und kein Fotostudio; die Stiftung des Denkmals hat wiederholt darum gebeten, nicht auf die Blöcke zu klettern oder zu springen. Wer sich verhält wie auf einem Friedhof, macht nichts falsch.
Am besten mit etwas im Ohr statt mit einer Tafel, auf der man die Augen zusammenkneift. Zu jedem Ort dieser Route gibt es einen kostenlosen Audioguide in sieben Sprachen — die Geschichte, während man auf dem Boden steht, auf dem sie passiert ist. Das ist der einzige Grund, herzukommen, statt es zu Hause zu lesen.
Audio guides in Berlin
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